Bild: J. Hirscher/DRFZ

05.11.2019

„Und wenn es keine Tierversuche mehr gäbe?“

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Mitglieder des Arbeitskreises der Berliner Tierschutzbeauftragten diskutierten am 5. November im Rahmen der Berlin Science Week mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern in der Urania Berlin.

Warum werden immer noch Tierversuche durchgeführt, wo es heute doch so viele Alternativmethoden gibt? Wie geht es den Tieren? Und wem nützen solche Versuche eigentlich? Das öffentliche Interesse an diesen Fragen ist groß, doch zugleich kursieren immer noch viele Mythen zum Thema Tierversuche. In dieser Situation sind Informationen aus erster Hand ebenso gefragt wie die offene Diskussion auf Augenhöhe.

Deshalb richteten die Berliner Tierschutzbeauftragten gemeinsam mit Charité 3R, dem Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC), dem Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, dem Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie und dem Leibniz-Forschungsinstitut für Molekulare Pharmakologie (FMP) eine gemeinsame Veranstaltung aus.

Der Einladung zum Themenabend mit dem Titel „Tierversuche im Gespräch – unbedingt notwendig oder längst überholt?“ in die Urania Berlin folgten rund 250 Interessierte, darunter auch Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte.

Vertrauensvolles Publikum
Zum Auftakt fragte die Moderatorin des Abends, die Berliner Wissenschaftsjournalistin Lilo Berg, nach der Einstellung zu Tierversuchen. Rund ein Dutzend Gäste plädierte offen dafür, solche Versuche ganz abzuschaffen. Etwa ein Drittel sah zwar grundsätzlich einen Nutzen, meinte aber, dass es zu viele Tierversuche gibt. Fast zwei Drittel hoben die Hand bei der Antwortoption „Ich vertraue den Wissenschaftlern, dass sie Tierversuche nur einsetzen, wenn es nicht anders geht“.

In der nächsten Fragerunde ging es auch um das populäre Thema Tierversuche und Kosmetika. In der öffentlichen Diskussion kommt es dabei immer wieder zu Irrtümern, wie auch an diesem Abend. Manche waren der Ansicht, dass die Erlaubnis zur Testung im Tierversuch von der Art des Kosmetikprodukts abhängt, oder dass im Ausland am Tier getestete Kosmetika in die EU importiert werden dürfen. Dabei dürfen Kosmetika, die im Tierversuch getestet wurden, seit einigen Jahren nicht mehr in der EU verkauft werden – selbst, wenn sie aus dem Ausland kommen.

Tierversuche für die Tiermedizin
Wenig bekannt in der Öffentlichkeit sei auch, dass die Ausbildung am Tier als Tierversuch gelte, sagte Professorin Christa Thöne-Reineke von der Freien Universität Berlin. Die Fachtierärztin für Versuchstierkunde bildet dort unter anderem tierärztliches und tierpflegerisches Fachpersonal aus.

Dabei orientiert sie sich am international gültigen 3R-Prinzip für Versuche am lebenden Tier. Die drei „R“ stehen für die Entwicklung von Versuchen, die schonender für das Tier sind (Refinement), für die Reduzierung von Versuchen (Reduction) und für den Ersatz von Tierversuchen (Replacement). Christa Thöne-Reineke ist auch beteiligt an dem an der Freien Universität Berlin angesiedelten Graduiertenkolleg der Berlin-Brandenburger Forschungsplattform BB3R – dem ersten Graduiertenkolleg zu Alternativen im Tierversuch weltweit – und Kooperationspartnerin im Netzwerk von Charité 3R. In ihren Kursen setzt die Professorin bereits eine Reihe von Alternativmethoden ein, darunter auch Online-Tutorials, Modelle und Simulatoren. Thöne-Reineke sagte: „Solange der Gesetzgeber die Ausbildung am Tier als Tierversuch einstuft, können wir in der tiermedizinsichen Ausbildung nicht auf Tierversuche verzichten.“

Grundlagen erforschen – auch am Tier
Warum Tierversuche für Grundlagenforschung und klinische Forschung derzeit unverzichtbar sind, erläuterten Professorin Anja Hauser, Tierärztin und Immunologin am Deutschen Rheumaforschungszentrum und an der Charité sowie Dr. Thomas Kammertöns, Immunologe am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin und an der Charité.

Versuche in Zellkulturen oder an Organoiden eignen sich, um erste Erkenntnisse zu gewinnen, sagten beide Forscher. Die komplexen Prozesse im Immunsystem, in dem sehr viele Zelltypen in verschiedenen Organen aufeinander wirken, ließen sich jedoch nur im Gesamtorganismus beobachten. Anja Hauser schilderte, wie die Forschung an Mausmodellen zu einem neuartigen Medikament geführt hat, das manchen Erkrankten mit Multipler Sklerose hilft. Und Thomas Kammertöns entwickelt derzeit mithilfe von Mausversuchen eine neuartige Krebstherapie, die das körpereigene Immunsystem zum Kampf gegen Tumorzellen anregt. Dabei ist den Forschenden durchaus bewußt, dass auch Tierversuche ihre Einschränkungen haben, dass aber für bestimmte Fragenstellungen keine Alternative zur Verfügung steht.

Schneller zu Alternativen
Alternativmethoden, die Tierversuche in den gesetzlich vorgeschriebenen „Pflichtversuchen“ ersetzen sollen, entwickelt Robert Landsiedel. Der Chemiker und Toxikologe arbeitet mit seinem großen Team beim Ludwigshafener Chemieunternehmen BASF.
Derzeit dauere es oft bis zu zehn Jahre, bis eine Alternativmethode als geeigneter Ersatz von den Behörden anerkannt werde. „Mit der derzeitigen Vorgehensweise werden noch über hundert Jahre vergehen, bis alle regulatorischen Tierversuche zur toxikologischen Testung von Chemikalien abgelöst werden können“, sagte Landsiedel. Er schlug vor, die Anerkennung von Alternativmethoden zu vereinfachen und Prioritäten für die künftige Entwicklung von Alternativmethoden zu setzen.

Im Mittelpunkt der lebhaften Diskussion standen Alternativmethoden zu Tierversuchen und Fragen zur Haltung von Versuchstieren. Auf die Wortmeldung aus dem Publikum „Was passiert, wenn ein Tierversuch genehmigt ist – gilt dann Feuer frei?“ beschrieben die Experten auf dem Podium das streng geregelte und minutiös dokumentierte Procedere, bei dem über jedes einzelne Tier genau Buch geführt werden muss. „Und was wäre, wenn von heute auf morgen keine Tierversuche mehr gemacht werden dürften?“, wollte ein anderer Gast wissen. Dann gäbe es keine neuen Medikamente oder Chemikalien mehr, hieß es vom Podium, denn dafür seien Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben und nach wie vor sinnvoll. Nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung ging die Diskussion bei Brezeln und Bier weiter – rund um die gut besuchten Infostände des Arbeitskreises der Berliner Tierschutzbeauftragten.

 

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