Kinderkardiologe PD Dr. Boris Schmitt mit der „umstenteten“ Herzklappe aus Herzbeutelgewebe. (Foto: Boris Schmitt)

04.06.2020

Eine Herzklappe fürs Leben

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Intrakardiale Echokardiographie mit implantierter Pulmonalklappe in einem Stent bei einem ausgewachsenen Schaf. (Bildrechte: Boris Schmitt)
Intrakardiale Echokardiographie mit implantierter Pulmonalklappe in einem Stent bei einem ausgewachsenen Schaf. (Bildrechte: Boris Schmitt)

Künstliche Herzklappen für Kinder stammen in der Regel vom Tier und müssen alle paar Jahre ausgetauscht werden. Besser wäre ein Ersatz aus körpereigenem Gewebe, der nicht mehr getauscht werden muss. Kinderarzt Dr. Boris Schmitt hat genau solche biologischen Herzklappen aus Herzbeutelgewebe entwickelt. Schon bald könnten die ersten Kinder von der weltweit einzigartigen, tierfreien Methode profitieren.

Dank künstlicher Herzklappen haben Kinder mit einem angeborenen Herzklappenfehler heute gute Überlebenschancen. Doch unbeschwert ist ihre Kindheit nicht. Oft stehen schon in den ersten Lebensjahren etliche Operationen an, die Kinder verbringen manchmal Monate im Krankenhaus.

Da es für Babys und Kleinkinder keine künstlichen Herzklappen in der passenden Größe gibt, müssen Ärzte zunächst belastende Überbrückungsverfahren anwenden, bei denen das Herz teilweise in Mitleidenschaft gezogen wird. Irgendwann ist der rechte Ventrikel so „ausgeleiert“, dass die Klappe unbedingt ersetzt werden muss. Die Kinder sind dann meist schon im Schulalter, wenn sie ihre erste künstliche Herzklappe bekommen.

Alle paar Jahre ein operativer Eingriff
Biologische Ersatzklappen stammen meist aus einer Rindervene und rufen Immunreaktionen des Körpers hervor. Die körpereigene Abwehr schädigt schleichend das Gewebe der Klappe, so dass bald ein weiterer Eingriff nötig wird. Herzklappen aus Metall oder Kunststoff halten zwar deutlich länger, können aber gefährliche Blutgerinnsel hervorrufen. Die kleinen Patientinnen und Patienten müssen deshalb dauerhaft Mittel zur Blutverdünnung einnehmen.

Beide Varianten haben dazu noch den Nachteil, dass die Ersatzklappen nicht mitwachsen. Deswegen benötigen Kinder etwa alle paar Jahre ein neues Implantat. Und da viele künstliche Klappen irgendwann verschleißen, werden die Kinder auch als Erwachsene im Schnitt alle zehn Jahre auf einen Klappenersatz angewiesen sein.

Vier Stunden bis zur passgenauen Herzklappe
Keine besonders schönen Aussichten, findet PD Dr. Boris Schmitt, Kinderkardiologe an der Charité und am Deutschen Herzzentrum Berlin (DHZB). Deshalb hat er eine Herzklappe aus körpereigenem Gewebe entwickelt. Die neue Klappe basiert auf Herzbeutelgewebe, das die Ärzte dem Patienten während eines rund vierstündigen Eingriffs entnehmen. Mit Hilfe von Daten aus dem Computer- oder Magnetresonanztomographen wird noch während der OP eine individuell passgenaue Herzklappe hergestellt und wieder eingesetzt. In vielen Fällen passiert das alles sogar minimal invasiv über einen Katheter, der über die Leisten- oder Halsvene zum Herzen vorgeschoben wird. Nur bei ungünstigen anatomischen Gegebenheiten müssen die Ärzte direkt am Herzen operieren. Die Herzklappe wurde für den Pulmonalklappenersatz bei Kindern und Erwachsenen entwickelt, d.h. für die Herzklappe, die die rechte Herzkammer mit der Lungenarterie verbindet. Die erkrankte Herzklappe wird beim Ersatz nicht entfernt, sondern durch die neue Klappe „überstentet“. Das spart Zeit und ist risikoarm.

„Die Herzklappe aus körpereigenem Gewebe ruft keine Abstoßungsreaktionen hervor, sie verschleißt nicht und sie hält vermutlich ein Leben lang“, erklärt Dr. Schmitt. "Hinzukommt, dass diese Methode in der Herstellung sogar ziemlich günstig ist und kein Tier dafür sterben muss.“

Weniger Leid für Mensch und Tier
Mit der Erforschung einer Herzklappe aus körpereigenem Gewebe wollte der Kinderarzt bewusst eine tierfreie Alternative zur Verfügung stellen. Denn nicht nur bei den biologischen Klappen sind Tiere im Spiel, auch Klappen aus Kunststoff oder Metall werden in Tierversuchen getestet.

Ganz „ohne“ kommt aber auch seine weltweit einzigartige Methode nicht aus: Jedes invasive Medizinprodukt muss in Deutschland zuvor an Tieren erfolgreich untersucht worden sein, bevor es am Menschen angewendet werden darf. So will es das Gesetz.

Um eine Zulassung zu bekommen, müssen Schmitt und seine Kollegen die neue Methode an insgesamt 18 Schafen testen – dem gängigen Tiermodell für Herzklappen. „Ich denke, diese kleine Anzahl ist vertretbar, um künftig komplett auf Klappen aus tierischem Gewebe verzichten zu können“, sagt er.

Seinen Heidschnucken, die auf dem Campus Virchow Klinikum leben, sieht man wahrlich nicht an, dass sie eine neue Herzklappe bekommen haben. Ihnen geht es ausgesprochen gut. „So soll es auch einmal bei unseren Patienten sein“, meint Boris Schmitt, der seine 18 Schafe regelmäßig untersucht, um den Behörden die erforderlichen Langzeitergebnisse vorlegen zu können.

Dabei hat der Herzspezialist die Klappen im Jahr 2016 bereits drei Kindern in Indien im Rahmen eines individuellen Heilversuchs eingesetzt – mit Erfolg. Auch das stimmt ihn optimistisch, dass seine Methode hält, was sie verspricht. Heilversuche werden von den deutschen Behörden jedoch nicht als Studie gewertet, deswegen zählen sie nicht für die Zulassung.

Dauerhafte Heilung sehr wahrscheinlich
Allein in Deutschland benötigen jedes Jahr rund 2.000 Kinder einen Herzklappenersatz. Für sie wäre die Herzklappe aus Berlin - oder besser gesagt aus ihrem eigenen Herzbeutel - ein Segen. „Wie lange noch?“, wird der Kinderkardiologe deshalb von Eltern gefragt, deren Kinder dringend ein neue Herzklappe benötigen. Zwei bis drei Jahre, schätzt er. Aber auch Erwachsene hoffen darauf. „Unsere Ziel ist, dass wir einmal alle Patienten mit Herzklappendefekt, also Kinder und Erwachsene, mit unserer Methode versorgen können“, sagt Boris Schmitt. Und er stellt noch etwas in Aussicht, das bislang mit keinem Klappenersatz erreicht werden konnte: Eine dauerhafte Heilung.


(Text: Beatrice Hamberger)

Kontakt

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